Carsten Fastner, Falter 16/04


Theater statt Fernsehen
Musik, Tanz und Schauspiel mitten im Busch: In Uganda trägt die Kultur auf einzigartige Weise zur politischen Aufklärung und Bewältigung sozialer Probleme bei. Mit österreichischer Hilfe.

Taxifahrt in Kampala. Das Festsetzen des Fahrtpreises vor dem Einsteigen ist in der ugandischen Hauptstadt ohnehin obligat, aber auch noch etwas anderes: tanken. Kein Chauffeur fährt seinen Wagen morgens mit vollem Tank zur Arbeit. Die Autos, beinahe allesamt "Third Hand" Mazdas und Toyotas, von Japan über diverse arabische Staaten nach Uganda importiert, werden mit wenigen Tropfen Sprit an die Standplätze gefahren – und später mit den Fahrgästen erst einmal zur nächstgelegenen Tankstelle. Ein Teil des Fahrtpreises wird dort gleich für Benzin ausgegeben: ein halber Liter nur, oder einer, gerade soviel, wie es für die geplante Strecke braucht. Investition, das hat in Uganda einen anderen, sehr unmittelbaren Sinn.

Die Fahrt führt in den Stadtteil Ntinda, auf einen der 22 Hügel von Kampala; durch den chaotischen Verkehr hinaus aus dem lose bebauten, 1945 von dem deutschen Architekten Ernst May konzipierten Stadtzentrum. Immer schlechter werden die Straßen mit ihrer nur zwei Zentimeter starken Asphaltschicht, immer dominierender das Rot der Erde auf den nicht geteerten Seitenstraßen und das satte Grün der Bananenstauden, die hier überall wachsen. Dazwischen mehr und mehr Häuser in traditioneller Bauweise, mit weit auskragenden Flachdächern, unter denen die Menschen sitzen, reden, handeln, arbeiten. Und immer weniger Marabus, jene kindsgroßen Störche, die wie Flugsaurier zu Tausenden über das Zentrum der Stadt kreisen, auf der Suche nach Abfällen und Aas.

Am Ende eines Feldwegs schließlich, mitten im Rot-Grünen, ist das Ziel erreicht. Ein riesiges Gelände mit Freiluftarena, Theater, Kantine sowie einigen Backsteinbauten für Wohnungen und Büros: das Ndere Cultural Centre. Mit rund eineinhalb Millionen Euro haben die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit (ÖEZA) und die Non-Governmental Organisation Vienna Institute for Development and Cooperation (vidc) das Kulturzentrum komplett finanziert. Drei Jahre lang wurde gebaut, allen bürokratischen Hürden auf ugandischer Seite und der fünfzigprozentigen Budgetkürzungen der ÖEZA durch die österreichische Bundesregierung zum Trotz kann nun die Eröffnung mit einem großen Festival stattfinden. Eine aus ugandischer Sicht geradezu astronomisch langfristige Investition.

Träger des Zentrums ist die Ndere Troupe mit ihrem Leiter Stephen Rwangyezi. 1986 gründete der studierte Agrarökonom und Theaterwissenschaftler diese nach einer traditionellen Flöte benannte Performancetruppe, zunächst um die alten Kulturen der rund vierzig verschiedenen, von der internationalen Staatengemeinschaft auf der Berliner Konferenz 1884 willkürlich in einem britischen Protektorat vereinigten Volksgruppen zu erforschen und ihre Erhaltung im rapiden Transformationsprozess des Landes zu sichern.

Mittlerweile ist daraus ein flächendeckendes Netzwerk von über 1300 Theatergruppen in allen Regionen Ugandas geworden. Zusammengefasst in der Ugandan Development Theatre Association (UDTA) betreiben sie noch in den entlegensten Winkeln ihre besondere Form der Entwicklungshilfe: Wenn nur ein Prozent des Landes mit Elektrizität versorgt ist, lassen sich Themen wie Korruption, politische Bildung, Aids-Aufklärung, Emanzipation oder Alkoholmissbrauch eben am besten durch die uralte Kunst des Theaterspielens vermitteln.

Keine leichte Aufgabe in Uganda. Das Land am Äquator gehört zu den ärmsten der Welt; auch wenn dank des ewigen Sommers und der reichen Natur kein Hunger herrscht, beträgt das durchschnittliche Einkommen doch unter einem Euro pro Tag. 1962 proklamierte Uganda seine Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht – und sank bald darauf in das blutige Chaos zweier der brutalsten Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Den Regimen von Milton Obote (1962-1971, 1980-1985) und Idi Amin (1971-1979) fielen 1,5 Millionen Menschen zum Opfer. Große Teile der Infrastruktur wurden zerstört. 1986, nach einem langjährigen Bürgerkrieg, konnte Yoweri Museveni mit seiner National Resistance Army (NRA) die Macht übernehmen. Zum Teil begünstigt, zum Teil aber auch eingeengt von den strengen marktwirtschaftlichen Vorgaben der Kredit gebenden Weltbank, hat er das Land auf einen Reformkurs gebracht, der lange Zeit als Vorbild für die Modernisierung Afrikas gehandelt wurde. Doch längst hat sich die Euphorie im reichen Norden wieder gelegt. „Dass ein verwüstetes Land zur Normalität zurückkehrt, ist eine Sensation, die dem Publikum nicht zugemutet werden kann“, notierte Hans Magnus Enzensberger nach einem Besuch in Kampala schon 1992.

Musevenis Erfolge sind deswegen um nichts weniger beeindruckend: Trotz der bürgerkriegsähnlichen Zustände im Norden, an der Grenze zum Sudan, wo die Lord’s Resistance Army um Joseph Kony mit Kindersoldaten die Bevölkerung terrorisiert, sind weite Teile des Landes im Aufschwung begriffen. Die früher brandschatzenden Armee- und Polizeieinheiten wurden weitgehend unter Kontrolle gebracht, die allgegenwärtigen „Road Blocks“ aufgelöst und auch die einst zügellose Korruption ist zumindest eingedämmt; wirtschaftliche Eckdaten wie Wachstums- und Inflationsrate oder der Anteil der in absoluter Armut lebenden Bevölkerung verbessern sich langsam, aber stetig; und 1995 wurde eine Verfassung verabschiedet, die Uganda bis 2006 zu einem Mehrparteiensystem führen soll. Demokratie, das heißt in Uganda nicht immer sofort: nach westlichem Vorbild.

Sein politisches Programm hat Museveni 1986, kurz vor dem absehbaren Sieg gegen das Obote-Regime, im Exil im niederösterreichischen Unterolberndorf geschrieben. Bald darauf konnten er und seine Truppen Uganda endgültig befreien. Das Land wurde zu einem Schwerpunktgebiet der ÖEZA. Und selbst, wenn Österreich mit einem Entwicklungshilfe-Budget von 0,26 Prozent des Bruttoinlandproduktes die für reiche Industriestaaten von Uno und OECD seit 1970 vorgeschriebenen 0,7 Prozent konsequent ignoriert, sind seit 1986 doch immerhin neunzig Millionen Euro in das 24 Millionen-Einwohner-Land geflossen. Zehn Prozent der derzeit rund fünf Millionen Euro an bilateraler technischer Zusammenarbeit, also 500.000 Euro, gehen jährlich an die Kulturprojekte der UDTA und das Ndere Cultural Centre.

Auf dem Festivalgelände herrscht Hochbetrieb. Hier, wo bald neue, junge UDTA-Mitglieder aus allen Landesteilen zu Tänzern, Sängern, Schauspielern und Organisatoren ausgebildet werden sollen, findet nun erstmals das jährliche UDTA-Festival statt, bei dem sich, nach zahlreichen Ausscheidungsrunden, die 32 besten lokalen Gruppen einem Wettbewerb stellen. Erster Preis: eine Singer-Nähmaschine, pedalbetrieben. Auch Luxus hat in Uganda einen anderen, bescheideneren, pragmatischeren Sinn.

Über tausend UDTA-Mitglieder sind während des viertägigen Festivals im Centre untergebracht, auf drei Bühnen parallel läuft der Wettbewerb der 32 Gruppen in den Disziplinen Musik, Tanz und Schauspiel; zudem muss jede Gruppe in kleinen Ständen ihre Heimatregion präsentieren und damit möglichst auch ein bisschen Geld verdienen. Meist werden traditionelle Instrumente zum Verkauf angeboten, Masken, Puppen oder Schmuck, manchmal auch Gemüse, Obst und Kräuter. Mit Notizblock und gestrengem Blick schwärmen Dutzende von Juroren durch das Gelände und wachen auch über die Einhaltung einer weiteren Wettbewerbsdisziplin: dem "good behaviour".

Das scheint auch nötig zu sein. Viele der Künstlerinnen und Künstler kommen im Wortsinn direkt aus dem Busch, immer wieder werden sie von den Organisatoren ermahnt, ihre Abfälle zu entsorgen, die Toiletten zu benutzen und keine Raufereien zu beginnen. Keine ganz unberechtigte Angst: Viele der Volksgruppen, die hier um die Gunst der Juroren wetteifern, wurden durch die willkürliche Politik der Kolonialherren zum unfreiwilligen Zusammenleben in einem ungewollten Staat gezwungen. Auch die beiden Diktaturen haben die zahlreichen Konflikte, vor allem zwischen dem Süden und dem Norden des Landes, geschürt.

Hier, im Ndere-Centre in Ntinda, treffen sie alle aufeinander: die kleingewachsenen Batwa aus dem Westen, Pygmäen, die im Bewusstsein vieler Ugander noch immer nicht als vollwertige Menschen akzeptiert werden, und die Karamojong aus dem Nordosten, Verwandte der Masai, riesige, hager-muskulöse Nomaden, die im Ruf stehen, keine Gnade zu kennen. Die verschiedenen Hima- und Baganda-Völker aus dem Süden, die sich mit Hilfe der Briten jahrzehntelang die Vorherrschaft sichern konnten, und die Niloten-Völker des Nordens, die von den Baganda als Kanonenfutter für ihre Kriege missbraucht wurden – ehe die „Northeners“ Obote und Amin den Spieß mit brutaler Gewalt umdrehten.

Für die vier Tage des Festivals ist von ihren Konflikten zumindest nichts zu spüren – auch wenn sich im politischen Leben noch kein wirkliches Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben mag. Uganda, das heißt auf Luganda, der Sprache der Baganda, immer noch: Land der Baganda.

Eine Fahrt nach Kakombo, ein kleines Dorf knappe zweihundert Kilometer östlich von Kampala. Anfangs stehen noch überall am Straßenrand Händler, die Wasser, gegrillte Hühner, Bananen und Mangos verkaufen. Das letzte Drittel der Strecke aber scheint menschenleer. Kakombo liegt mitten in einem Wald aus Bananenstauden und Kaffeebäumen, eine winzige Lehmhüttensiedlung mit vielleicht zweihundert Einwohnern. So genau weiß das Peter leider nicht, er hat die Bewohner seines Heimatdorfes vom Volk der Basoga nie abgezählt. Peter ist 24 und Mitglied der Ndere Troupe. Vor zehn Jahren hat eine Verwandte sein außergewöhnliches Talent auf der "Ndingidi", der "afrikanischen Geige", entdeckt und ihn zu einer UDTA-Gruppe in der Nähe von Kakombo gebracht. Mittlerweile lebt er, schulisch bestens ausgebildet, in der Hauptstadt und hilft dort bei der Organisation des Ndere-Festivals.

Auch die UDTA-Gruppe der Basoga hat es geschafft, eine Delegation zum Festival nach Kampala zu entsenden. Ihr "Embaire" konnten sie allerdings nicht mitnehmen. Mitten auf dem Dorfplatz in Kakombo ist ein solches "Erdloch-Xylophon" aufgebaut. Unter einem Sonnendach aus Baumblättern haben die Bewohner ein Loch gegraben, so groß wie ein Grab, einen halben Meter tief: ein mächtiger Resonanzkörper. Darüber liegen ein Dutzend dicke, pentatonisch gestimmte Holzbretter und werden von den Männern des Dorfes mit Schlägeln bearbeitet. Selbst ein paar Drei- oder Vierjährige sitzen dabei und klopfen mit atemberaubender Präzision ihre Synkopen in die hochkomplexe polyrhythmische Struktur des Willkommensliedes. Die Frauen und Mädchen singen und tanzen dazu.

Nach einer Viertelstunde ist das Lied zu Ende. Beim Überprüfen des Mitschnittes scharen sich die Kinder um das kleine Tonbandgerät. Kurzes Staunen – und nach vier, fünf Sekunden beginnen alle, zu der Aufnahme mitzusingen und zu -klatschen. Musik, das heißt in Uganda: selber machen.

Zurück auf dem Festivalgelände in Kampala. Gerade haben Chandiru Mawa und ihre drei Tänzerinnen, zwei Weiße und eine Schwarze aus den USA, die Performance "Eeka – Dahoam" vorgeführt. Chandiru Mawa kam vor zehn Jahren aus Uganda nach Wien, wo sie heute ihr Tanzstudio Halfstreet 7 betreibt. Eigens für den ersten Besuch in der alten Heimat hat sie ihre nicht nur positiven Erlebnisse in Österreich verarbeitet: zu einem Tanzstück, das über Ausgrenzung und Ablehnung, von Heimweh und Sehnsucht erzählt – in naiven Bildern, ganz so, wie es bei den Development-Theatre-Aufführungen der UDTA-Gruppen üblich ist, die einem europäischen Publikum mit ihrer simplen Gut-Böse-Logik beinahe wie ein Kasperltheater vorkommen.

So ähnlich wie beim Kasperltheater benehmen sich auch die Zuschauer in ugandischen Theatern. Auftritte der "Bösen" werden mit verächtlichen Rufen begleitet, die "Guten" lautstark vor drohenden Gefahren gewarnt und ihre Siege ausführlich bejubelt; während der Vorstellung mit dem Handy zu telefonieren gilt als schick, und wer kein Handy hat, plaudert eben zwischendurch mit seinen Sitznachbarn. Chandiru Mawas Performance aber bringt das Publikum, vor allem das männliche, vollends aus dem Konzept. Weiße Frauen, die mit Hintern und Busen wackeln wie schwarze Tänzerinnen! Der Saal tobt. Mawas Botschaft wird nicht gehört. Rassismus, Fremdenfeindlichkeit in Österreich sprengen hier die Vorstellungskraft. Europa, das ist in Uganda das gelobte Land der goldenen Bäume.