„Uganda = Idi Amin?“ oder doch „Der Präsident und die Wirtin?

Oscar für Film über Idi Amin „Der letzte König von Schottland“

 

Wer an Tibet denkt, denkt an Berge und den Dalai Lama. Eine Erwähnung von Mozart, Johann Strauss, oder Sound of Music reicht, um an Österreich denken zu lassen. Adolf Hitler wurde erfolgreich zum Deutschen.

Wie gelingt es, ein Land von negativen Konnotationen zu befreien und positiv zu besetzen? Ein Lehrstück dazu ist der Film „1.April 2000“, in dem 1952 im Auftrag der damaligen Bundesregierung versucht wurde, den Nationalsozialismus im besetzten Österreich vergessen zu lassen und ein zauberhaftes, operettenseliges, völlig unschuldiges Österreich präsentiert wird.

Über das kleine ostafrikanische Land Uganda wusste man lange Zeit nur, dass der monströse Diktator Idi Amin dort herrschte. Jahrelang haben wir, die Österreichisch-Ugandische Freundschaftsgesellschaft versucht, das Uganda nach Idi Amin – ein politisch hochinteressantes Modell und ein sich rasch entwickelndes Land - in den Köpfen zu verankern.

Fast ist es gelungen, denn die idealistischen und hochmotivierten Revolutionäre, die 1986 in Uganda die Macht übernahmen und ein Hoffnungsmodell für ganz Afrika boten, waren vor ihrem Sieg in Österreich, in Unterolberndorf gewesen, wo sie ihr Regierungsprogramm diskutierten und beschlossen. Als der neue Präsident 1994 auf Staatsbesuch kam, besuchte er auch das Gasthaus „Zum Grünen Jäger“ im Weinviertel und lud die Wirtin samt Familie zum Staatsbesuch nach Uganda ein. In vielen Zeitungen und auch im Fernsehen wurde über diese etwas rührselige Story berichtet und von da an, war es leichter, über Uganda zu reden. „Ist das nicht der Präsident mit der Wirtin?“ wurden wir gefragt und Idi Amin schien vergessen.

Und jetzt das: ein großer Film kommt in die Kinos „Der letzte König von Schottland“ mit dem grandiosen Forrest Withaker in der Hauptrolle des Idi Amin (Oscar für den besten Schauspieler). Schon ist Uganda wieder gleich Idi Amin, obwohl dieser bereits 1979 gestürzt wurde und inzwischen im Jahr 2003 in Saudi-Arabien verstorben ist.

Auf ein Neues: Uganda ist ein landschaftlich wunderschönes, grünes, Land am Äquator, das schon Winston Churchill als „Perle Afrikas“ bezeichnet hat. Erst im 19. Jahrhundert wurde es auf der Suche nach den Quellen des Nil von den Europäern „entdeckt“, und in der Berliner Konferenz 1884/85 mit schönen geraden Strichen mit Grenzen versehen und den Engländern zugeschlagen, die es als Protektorat deklarierten, weil die seit 500 Jahren herrschenden Könige von Buganda ein gut funktionierendes Verwaltungssystem hatten, das für die Ausbeutung des Landes bestens einsetzbar war. Als in den 1960er Jahren viele Kolonien ihre Unabhängigkeit erkämpften erhielt auch Uganda 1962 eine mit den Engländern ausgehandelte eigene Verfassung und wurde als Republik in die Eigenständigkeit entlassen.

Das Erbe, das die neuen demokratischen Anführer antraten, war kein einfaches: die Sekretäre der Gouverneure, die Unteroffiziere der englischen Armee wurden zu Präsidenten, ungebildet und zur Unterwürfigkeit gegenüber den weißen Herren erzogen, sollten sie nun ein Land regieren, das aus verschiedensten Ethnien zusammengewürfelt war, was sehr rasch zu großen Problemen führte. Schon 1966 wurde die Verfassung im Handstreich durch den Präsidenten Milton Obote abgeschafft und durch eine neue ersetzt. 1971 putschte der ehemalig Sergeant und dann Armeeführer Idi Amin und erklärte sich zum Präsidenten auf Lebenszeit. Er liebte es, sich als agent provocateur zu präsentieren und wurde weltberühmt durch seine fast clownesken Aussprüche und Attitüden, ließ sich von Weißen mit einer Sänfte herumtragen, brüskierte die Queen und erklärte sich unter anderem zum „Letzten König von Schottland“. Weniger clownesk waren seine politischen Taten: alle Inder, die in Uganda hauptsächlich Handel und Industrie beherrschten, mussten innerhalb von 90 Tagen das Land verlassen, politische Gegner wurden den Krokodilen vorgeworfen – eine brutale und dumme Schreckensherrschaft.

Als er letztendlich Tansania überfiel wurde er von tansanischen Truppen und den Exilugandern 1979 besiegt und vertrieben.

Milton Obote wurde in gefälschten Wahlen wieder Präsident und eine Gruppe von  27 Intellektuellen (National Resistance Movement – NRM) unter Führung von Yoweri Museveni beschloss, das Land durch einen bewaffneten Kampf zu einer vernunftorientierten und stabilen Regierung zu verhelfen. Milton Obote wehrte sich mit brutalsten Methoden. In den Bezirken rund um die Hauptstadt wurde die Bevölkerung nahezu ausgerottet.

Die NRM führte einen militärischen und politischen Kampf ohne Hilfe von außen (was in der Zeit des „Kalten Krieges“ ziemlich ungewöhnlich war), brachte die Bevölkerung hinter sich, indem sie aufklärte und in befreiten Gebieten neue ungewöhnliche politische direkt-demokratische Strukturen einführte, die den Menschen Eigenständigkeit und Verantwortlichkeit ermöglichten.

Im Jänner 1986 eroberten die Revolutionäre Kampala und übernahmen die Macht, geleitet von ihrem „Unterolberndorfer“ 10-Punkte-Programm.

Eine neue Verfassung wurde in einer weltweit einmaligen Prozedur unter größtmöglicher Mitarbeit der Bevölkerung erarbeitet: eine Verfassungskommission reiste jahrelang durchs Land und erklärte den Menschen die Inhalte und Bedeutung von Verfassungen und rief zur Mitarbeit auf. Mehr als 50.000 Vorschläge wurden in einen Vorschlag eingearbeitet, eine Verfassunggebende Versammlung wurde direkt gewählt, die nach weiterer einjähriger Diskussion die endgültige Version ausarbeitete, die der Bevölkerung nochmals in einem Referendum vorgelegt wurde.

Yoweri Museveni ist bis heute Präsident (der mit der Wirtin) und das Land hat eine äußerst positive Entwicklung genommen, bis auf den Norden, der noch immer nicht befriedet ist – ein Warlord, der vom Internationalen Gerichtshof gesucht wird, richtet mit entführten Kindersoldaten unsagbares Elend an).

Der größte Teil Ugandas jedoch boomt mit einem Wirtschaftswachstum von bis zu 10%,  ist Vorzeigeland in der Bekämpfung von AIDS, hat große Erfolge in der Armutsbekämfung (1995 lebten mehr als 60% Ugander in absoluter Armut, 2006 „nur“ mehr 31%), die Abhängigkeit vom Kaffee als nahezu einziges Exportgut ist von 90% auf 20% gesunken….) Uganda ist ein normales Entwicklungsland geworden, das noch immer mit vielen vielen Problemen kämpft, aber doch auf gutem Wege ist.

Österreich hat Uganda zum Schwerpunktland seiner Entwicklungszusammenarbeit gemacht und zahlreiche Projekte gefördert, unter anderem ein Kulturzentrum ermöglicht, von dem aus fast 2000 Musik- Tanz- Theatergruppen im ganzen Land motiviert werden, auf unterhaltsame Weise durch Entwicklungstheater zu Bildung und Eigeninitiative beizutragen und die kulturellen Traditionen der verschiedenen  Ethnien zu respektieren.

 

Idi Amin ist Geschichte, die nicht vergessen werden kann, aber Uganda ist es wert, auch aus anderen Gründen bekannt zu sein.