Neue Züricher Zeitung, 18. August 2003, Nr. 189
Der ugandische Ex-Diktator Amin gestorben
Grausamkeit unter der Tarnkappe des Clownesken
Der frühere ugandische Präsident Idi Amin ist am Samstag in seinem saudiarabischen Exil in Jidda gestorben. Von den vielen afrikanischen Diktatoren des 20. Jahrhunderts ist Idi Amin wohl der bekannteste und berüchtigste. Er musste für seine zahllosen Verbrechen nie Rechenschaft vor einem Tribunal ablegen.
Der frühere ugandische Diktator Idi Amin ist am Samstag in Jidda an den Folgen eines Nierenversagens gestorben. Sein Name evoziert weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus Erinnerungen an das düsterste Kapitel der jüngeren Geschichte Ugandas. Der hohe Bekanntheitsgrad Idi Amins hängt aber nicht allein mit seiner Grausamkeit zusammen. In dieser Hinsicht steht dem ugandischen Gewaltherrscher der wenig bekannte Francisco Macias Nguema, der 1979 gestürzte Diktator Äquatorialguineas, der im Laufe seiner elfjährigen Schreckensherrschaft Zehntausende umbringen ließ, kaum nach. Amin hat sich dem Gedächtnis der Beobachter vor allem mit seiner Kombination von ungebremster Gewaltbereitschaft und clownesker Spaßhaftigkeit eingeprägt.
Ungebildet und Misstrauisch
Es konnte Amin durchaus einfallen, in Kampala ansässige Ausländer zu Schwimmwettbewerben einzuladen, obwohl er selber nur ein schlechter Schwimmer war – oder den vom Körperbau her eher schmächtigen tansanischen Präsidenten Nyerere zu einem Boxkampf herausfordern, dessen Fairness er angesichts der Schmächtigkeit seines Gegners dadurch sicherstellen wollte, dass er eine seiner Fäuste auf dem Rücken festband.
Die Kombination von teuflischer Grausamkeit und tollpatschiger Freundlichkeit kristallisierte sich besonders deutlich vor allem dann heraus, wenn Amin einen Untergebenen als Rivalen verdächtigte (was häufig vorkam). Er lud den armen Teufel, wie dies der polnische Afrika-Reisende Ryszard Kapuscinski in seinem Buch „afrikanisches Fieber“ beschreibt, zu sich ein und bewirtete ihn in bester Laune, „beim Hinausgehen“ schreibt Kapuscinski, „lauerten schon die Häscher auf den Gast. Später konnte keiner in Erfahrung bringen, was mit dieser Person geschehen war“.
Gewiss war Amin schulisch ungebildet. Er konnte kaum lesen und regierte ausschließlich mit mündlichen Anweisungen. Aber er war in vielen kein Naivling. Zumindest in der Techniken des Terrors und des Machterhalts durch Gewalt kannte er sich aus. Den Putsch gegen Präsident Milton Obote führte er 1971 mit brutaler Konsequenz aus, indem er diejenigen Armeeangehörigen, die er aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit verdächtigte, mit dem gestürzten Obote zu symphatisieren, umbringen ließ. Amin war vorsichtig. Häufig seinen Aufenthalts – und Übernachtungsort sowie das Fahrzeug, in dem er unterwegs war. So überlebte er mehrere Anschläge. Kaum von Naivität zeugt auch seine Politik des „Afrika den Afrikanern“.
Mit der unter diesem Stichwort vorgenommenen Vertreibung des Asiatischstämmigen, die Ugandas Geschäftsleben beherrschten, erntete er viel Zustimmung beim schwarzafrikanischen Bevölkerungsteil. Aber bald stellte sich heraus, dass das von den Asiatischstämmigen beschlagnahmte Vermögen nur dazu gedient hatte, die Habgier der Offiziere und der Verwandten Amins zu befriedigen. Die produktive wirtschaftliche Basis des Landes zerfiel, für den einheimischen Markt wurde kaum noch produziert. Die Armee hielt sich schadlos, indem sie Dörfer überfiel und die Ernten der Bauern plünderte.
Erfolg bei den Arabern
Amins Hinwendung zum Islam und zum Antizionismus war kaum mehr als ein verzweifelter Versuch, sich in der arabischen Welt die notwendigen Mittel zur Fortsetzung seines ausschweifenden Lebensstils und zur Sicherung seines Überlebens zu beschaffen. Auf den internationalen Foren aber hatte Amin damit großen Erfolg. Für seine Rede vor der Uno-Generalversammlung im Jahr 1975, in der er zur Vernichtung Israels aufrief, erhielt er donnernden Beifall. Zuvor hatte ihn die Organisation für die Einheit Afrikas, die keine Notiz von den in Uganda begangenen groben Menschenrechtsverletzungen nahm, zu ihrem Vorsitzenden erkoren. Aber die außenpolitische Einbettung ins arabische Lager half Amin nicht, als er den entscheidenden politischen Fehler seiner Diktatur beging, die Besetzung der tansanischen Kagera - Region. Im Januar 1979 schlug die tansanische Armee, unterstützt von Verbänden des exilierten ugandischen Widerstandes unter Oyite Ojok und Museveni, zurück. Im Gegensatz zu seiner Armee, die sich in Luft auflöste, überlebte Amin, der sich nach Libyen und später nach Saudi Arabien absetzen konnte. Und anders als Nguema, der hingerichtet wurde, muss Amin, der fast 80 Jahre alt wurde, nie für seine Verbrechen büßen.