Neue Züricher Zeitung, Dienstag, 9. März 2004


Streit ums Wasser des Nils
Ägypten pocht auf seine 'historischen Rechte'

An einer Konferenz in Uganda wollen die Anrainerstaaten des Nils ihre Differenzen über die Verteilung des Flusswassers beilegen. Ägypten pocht auf seine „historischen Rechte“, weiterhin den Löwenanteil für sich abzuzweigen. Kairo schreckt auch nicht davor zurück, unbotmäßigen Ländern wie Tansanien oder Kenia mit Krieg zu drohen.
K.P. Nairobi

In der ugandischen Hauptstadt Kampala haben Gespräche über die Verteilung des Nilwassers begonnen. Die Konferenz findet unter der Schirmherrschaft der Nile Basin Initiative statt, die sich die Suche nach einer nachhaltigen und gerechten Lösung der Nilfrage zum Ziel gesetzt hat. Was mit dem längsten Fluss der Welt geschieht, ist für Ägypten eine Frage von Leben und Tod. Wasserversorgung und Landwirtschaft Ägyptens hängen fast vollständig vom Nil ab. Die Interessen der neun übrigen Anrainerstaaten und Länder im Nilbecken sind den ägyptischen jedoch diametral entgegengesetzt. So pochen Äthiopien, Kenia und Tansania auf ihr Recht, den Nil auf ihrem Territorium für Bewässerung und Trinkwasser zu nutzen. Durch internationale Verträge hat Ägypten in diesen Fragen jedoch ein Vetorecht. Und erst kurz vor Konferenzbeginn betonte der ägyptische Wasserminister Mahmud Abu Zeid erneut, dass an den „historischen Rechten Ägyptens“ nicht gerüttelt werden könne. Mitglieder der Nile Basin Initiative sind neben Ägypten der Sudan, Äthiopien, Eritrea, Kenia, Uganda und Tansanien sowie Ruanda, Burundi und Kongo-Kinshasa.

Alte Verträge

Die ägyptische Position beruht auf zwei internationalen Verträgen, zum einen auf den Abkommen von 1929 zwischen Ägypten und den durch London vertretenen ostafrikanischen Kolonien und zum anderen auf den Vertrag von 1959 zwischen Ägypten und dem unabhängigen Sudan, in dem unter anderem die Wasserverteilung zwischen diesen beiden Ländern festgehalten wurde. Demnach erhält Ägypten von dem auf durchschnittlich 84 Milliarden Kubikmeter pro Jahr geschätzten Wasserfluss 55,5 Milliarden, während 18,5 Milliarden Kubikmeter dem Sudan zur Verfügung stehen. Äthiopien, auf dessen Territorium der blaue Nil entspringt, wird in den beiden Abkommen nicht erwähnt, obwohl das Wasser des Nils zu 75 bis 85 Prozent vom Blauen Nil stammt. Der Rest kommt größtenteils vom Weißen Nil, der durch den Viktoria- sowie den durch den Albert- und den Edward-See gespeist wird.

Die Spannungen zwischen Ägypten und den ostafrikanischen Anrainerstaaten haben in den letzten Monaten merklich zugenommen. Nicht ganz zu Unrecht fühlen sich die Länder wie Kenia und Tansanien nicht durch einen Vertrag gebunden, den die ehemalige Kolonialmacht ausgehandelt hat. Im letzten Dezember erklärte Kenias stellvertretender Außenminister Wetangula, das sich sein Land nicht mehr an das Abkommen von 1929 gebunden fühle. Ähnliche Töne kamen aus dem Nachbarland Tansanien. Tansanien hat mit einer chinesischen Baufirma einen Vertrag über den Bau einer knapp 170 Kilometer langen Leitung abgeschlossen, mit der bis zu 900 000 Menschen in Gebieten südlich des Viktoria-Sees mit Seewasser versorgt werden sollen. Auf den kenianischen Vorstoß reagierte der ägyptische Wasserminister Abu Zeid laut Presseberichten mit den Worten, dies käme einer Kriegserklärung gleich. Solche Drohungen haben im Falle Ägyptens eine lange Tradition. Sie sind mitverantwortlich dafür, dass zum Beispiel Äthiopien auf verschiedene Bewässerungsprojekte verzichtete.

Kairo unnachgiebig

Bisher sind sämtliche Verhandlungen zwischen Ägypten und den übrigen Anrainerstaaten wohl nicht zuletzt an der unnachgiebigen Haltung Kairos gescheitert. Bei den Lösungsversuchen spricht man immer von den Bedürfnissen der einzelnen Länder, ohne von den Kosten zu reden. Weil das Nilwasser von allen Anrainern immer noch als gratis angesehen wird, ist der Weg zu intelligenten Marktlösungen verbaut. Ägypten könnte die Schwarzafrikaner für den Verzicht auf den Bau von Dämmen und großen Bewässerungsprojekten zum Beispiel mit Geld entschädigen. Das erschiene umso fairer, als das ägyptische Pro-Kopf-Einkommen mehr als siebenmal so groß ist wie der Durchschnitt der neun schwarzafrikanischen Anrainerstaaten. Eine große Unbekannte stellt darüber hinaus der Friedensprozess im Sudan dar. In den südsudanesischen Sümpfen verschwinden zwischen acht und elf Milliarden Kubikmeter Wasser pro Jahr. Falls der Frieden wirklich kommt, könnten alle alte Projekte wie der Jongolei-Kanal zur Entwässerung der Sümpfe wieder aufgewärmt werden. Das zusätzlich Wasser würde den Verteilungskampf wiederum etwas entschärfen.